Where is the wisdom we have lost in knowledge?
Where is the knowledge we have lost in information?
(“The Rock” by T. S. Eliot)
Manchmal, wenn ich im Internet unterwegs bin, frage ich mich, ob die Sache mit der “Demokratisierung des Webs” nicht doch überbewertet wird. Momentanes Highlight: All die selbsternannten Sprecher der “digital natives” und ihr Zensursula-Geschrei. Ein schönes Wortspiel, zugegeben. Blöderweise ist es nicht mehr als der unrühmliche Beweis für die Heterogenität der Protestler. Denn gerade die Schlagworte, mit denen sie zu punkten versuchen, widersprechen ihren eigenen zentralen Forderungen. Was hilft ein “Keine Zensur!”-Schrei, wenn man gleichzeitig “Löschen statt sperren!” fordert? Es gäbe so herrlich überzeugende Argumente gegen das Zugangserschwerungsgesetz! Ganz unmittelbare und einleuchtende! Aber nein – jede Diskussion, jede Argumentation muss schließen mit: “Das Wichtigste ist aber, dass hier eine Zensurinfrastruktur aufgebaut wird, ohne richterliche Kontrolle. Klein-China kommt zu uns!” Dass zu Klein-China auch ein repressives Regime gehört, das wir – soweit ich weiß – noch nicht haben, dass es eine relativ freie Presse gibt in Deutschland und dass zumindest ein unabhängiges Kontrollgremium geplant ist, das jederzeit die Liste gesperrter Seiten überprüfen kann – das alles wird unterschlagen, aus Angst, es könnte die eigenen Argumente schwächen.
Dies tut es aber nicht! Das Problem ist nicht die Zensurinfrastruktur. Dies ist der Fehler, den alle Netzenthusiasten begehen. Der Aufhänger ist nach wie vor “Das ist Zensur!” – was am Problem und an den Standpunkten vollkommen vorbeigeht. Betrachten wir die Positionen: Wenn in kurzer Zeit möglich, sollen die Server mit kinderpornografischen Materialien vom Netz genommen werden. Hier sind sich beide Parteien einig. Im zweiten Schritt fangen die Unterschiede an. Die Bundesregierung setzt auf langfristige Verhandlungen mit anderen Ländern, internationale Abmachungen und Interpol. D.h.: Sie lassen die Inhalte vorerst im Netz. In der Zwischenzeit pappen sie den Websites einen Warnhinweis – ähnlich wie bei Zigarettenschachteln – auf. Die “Zensurgegner” pochen darauf, dass es bei Phishing-Seiten u.ä. innerhalb kürzester Zeit möglich ist, jeden Server vom Netz zu bekommen – und dass dies bei Kinderpornos auch möglich sein muss. Was sie fordern ist also im Grunde mehr Zensur (wenn man beim Zensur-Begriff bleiben möchte). Der Schrei müsste also nicht “Keine Zensur!” sondern “Effektive Zensur!” sein – aber das klingt als Schlachtruf nicht wirklich gut.
Und es geht noch weiter…